Interview mit Airin

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Airin betreibt die Seite transexuell.de seit 1998. Vielen Transsexuellen und Transgendern ist ihre Seite ein Begriff und bietet zahlreiche Tipps und Hinweise zu weiterführenden Informationen und Stellen.

Wir freuen uns mit Airin ein intensives und längeres Gespräch führen zu dürfen, welches sehr interessante Einblicke in einen wirklich sehr individuellen Lebenslauf bot.

urda: Lese ich Deinen Lebenslauf auf transsexuell.de, sticht mir zuvorderst ins Auge, dass Du den Personenstand dreimal gewechselt hast und den Vornamen sogar viermal. Du beschreibst das recht einfühlsam, aber doch kurz. Wie kam es bei Dir dazu?

Airin: Ich kann irgendwie nicht anders, als den Dingen immer sehr auf den Grund zu gehen. Ich war anfangs zwar ausgesprochen glücklich mit dem, was ich durch die “Transformation” erreicht hatte, aber mit der Zeit tauchten Fragen auf. Beziehungen und Sexualität klappten nicht so, wie ich es mir erhofft hatte und das Thema blieb in meinem Leben präsent. Vor allem aber war für mich mit der Geschlechtszugehörigkeit die Frage danach, wer ich als Mensch wirklich bin, überhaupt noch nicht beantwortet.

Ich begab mich auf eine radikal ehrliche Suche nach dem “wahren Selbst” und lernte eine Menge Möglichkeiten kennen, mit denen ich mich weiter entwickeln konnte. Moderne Therapieformen, Körperarbeit, Meditation – eine Arbeit, mich in meinen Gefühlen frei zu machen, die Beziehung zu meinem Körper zu klären und die feineren “Antennen” zu putzen. Dieser Befreiungs- und Wachstumsprozess hat mir sehr viel gebracht. Er führte mich nicht nur immer tiefer in die eigene Selbsterkenntnis, sondern auch zu zu einer klareren Wahrnehmung und einem vertieften Verständnis dessen, was Mensch-Sein bedeutet.

Auf dieser Strecke habe ich das Konzept einer “Geschlechtsidentität” für mich als viel zu begrenzt erkannt – wer man als Mensch wirklich ist, geht so gesehen weit über Konzepte von Geschlecht hinaus. Je mehr ich mich mit den größeren Aspekten von mir verbunden habe, desto mehr verlor das Geschlecht seine Bedeutung. So kann ich mir heute praktisch aussuchen, aus welchem der geschlechtlichen Teilaspekte heraus ich agieren und leben möchte.

Für mich persönlich ist das gut so, ich brauchte diese Erfahrung. Menschen im Sinne des Gender Mainstreamings aber als gleich so zu erziehen, so dass sie gar nicht mehr wissen, welchem Geschlecht sie angehören, halte ich für ausgesprochen schädlich.

Mit meiner Entscheidung, wieder als Mann zu leben, wollte ich zeigen, daß es wirklich möglich ist, sich aus der Transsexualität heraus zu entwickeln. Und ja, es ging. Im Geschäftsleben. In einem netten Freundeskreis. In Beziehung mit zwei Frauen, die meine Männlichkeit trotz allem nicht in Frage stellten.

Das männliche Testosteron brachte mir die Sexualität wieder zurück, führte mich aber doch in ein gewisses Dilemma. Operiert, fand ich für aktiv gelebte Sexualität nicht den rechten Weg und es wurden wiederum die weiblichen Aspekte meiner Erotik und meines Selbstempfindens aktiv. Vor allem aber mußte ich wieder feststellen, dass mir Testosteron im Kontakt zu meinen Gefühlen und meinen feineren Aspekten im Wege steht.

Ich kam schließlich einen Punkt, an dem ich keine Lust mehr auf das Männerleben hatte, in dem ich zwar nach außen hin “normaler” war – ob das dann aber auch noch authentisch war, wird wohl eine offene Frage bleiben.

Ich “mußte” nicht wieder als Frau leben. Je bewußter ich mit dem ganzen Geschlechter-Rollenspiel geworden bin, desto flexibler wurde ich auch im Sozialen. Immer mehr stand ich über dem Problem und nicht mehr zwischen den Polen und konnte eben auch flexibler verschiedene Positionen einnehmen. Für mich ist das keine Verwirrung, sondern es fühlt sich nach Wachstum und Befreiung an. Es war ein jahrelanger Weg, der mich über ein ursprünglich viel zu enges Konzept hinaus führte.

urda: Magst Du mir kurz beschreiben, inwiefern Deine Identität, und damit meine ich Deinen inneren Kern, von der Umwelt beeinflusst wird?

Airin: Ich nehme ziemlich sensibel wahr, was andere über mich denken und fühlen. Darüber kann und will ich nicht einfach (wie manche anderen Kolleginnen) mit einem offensiven “ich bin eben so” hinwegbügeln. So habe ich eine Tendenz, mich in einer Wechselwirkung mit der Umwelt “einzutarieren”.

Der innerste Kern aber ist für mich das, wer ich als Seele über den Körper und die Inkarnationen hinweg bin und bleibe. Der macht zwar seine Erfahrungen mit und an der Umwelt, aber die Seele, die ich als meine wahre Identität wahrnehme, steht unabhängig darüber.

urda: Ist das Leben über den Dingen denn nicht dem Tod geweiht?

Airin: Gewissermaßen ist doch schon die Entfernung der Keimdrüsen ein Selbstmord auf Raten. Ich beschreibe damit aber vor allem den spirituellen Aspekt, ohne den ich einfach nicht auskomme, weil ich mir meiner Existenz als Seele, die nun gerade in diesem Körper wohnt, bewußt bin und weiß, daß ich auch schon andere Körper (Inkarnationen) hatte. Und die Seele guckt sozusagen “von oben” auf die Sache, also nicht von der Ebene des Entweder-Oder aus.

urda: Du hast Deine Maßnahmen schon recht früh durchführen lassen. Wo siehst Du die wesentlichen Unterschiede im Verhältnis zur heutigen Lage?

Airin: Zu der Zeit betrat ich in mancher Hinsicht Neuland und die Umwelt war auf so einen Schritt noch nicht vorbereitet. Heute ist das alles viel einfacher. Auch die Operationen sind besser geworden, aber da bei mir die Sexualität/Libido so am Testosteron hängt, hätten verhältnismäßig kleine OP-Details in der Praxis wahrscheinlich keinen großen Unterschied gemacht.

urda: Magst Du kurz schildern, welche Rolle Sexualität für Dich im Laufe der Zeit eingenommen hat? Kannst Du Sexualität noch empfinden? Sind alle Empfindungen noch vorhanden?

Airin: Ich hatte da natürlich meine Hoffnungen und Wünsche; daraus geworden ist aber kaum etwas. Ich habe Freude an bewußter Berührung und an Freundschaften, aber eine Kastration ist nunmal eine denkbar schlechte Voraussetzung für Sexualität und Erotik.

urda: Wie gestaltete sich der Weg zurück von der Frau zum Mann. Ich gehe davon aus, dass Dein Genital umgeformt wurde. Wie konntest Du dann als Mann leben?

Airin: Nein, so krasse Operationen würde ich nicht mehr machen, das Genital blieb auch im Leben als Mann so, wie es 1984 geschaffen wurde.

urda: Ich, Urda gehe ja recht viel auf das Thema Kulturmarxismus und den Einfluss der „Gesellschaft“, vielmehr der Sozialarchitekten auf den Einzelnen ein. Magst Du kurz dazu Stellung nehmen? Wie siehst Du das? Inwiefern fühlst Du Dich davon betroffen? Was hältst Du vom Gender Mainstreaming?

Airin: Ich denke, dass die Gendertheorie, insbesondere das Gender Mainstreaming, ein Teil einer globalen Strategie ist, den Menschen ihre Orientierung zu nehmen und sie sauber unter ein globalistisches Diktat zu bekommen.

Wenn jemand von sich aus an die Geschlechtergrenzen stößt, soll er dort bitte so viel “Lebensraum” haben, wie er/sie braucht. Ein Irrsinn aber, Kinder so zu erziehen, daß sie von vornherein gar nicht mehr wissen, wohin sie gehören.

“Gleiche Rechte” heißt doch nicht “Gleichheit”!

Aktuell sehe ich die Gefahr, dass Transsexualismus unter “Lebensweise” subsummiert wird und damit eines Tages die Notwendigkeit von medizinischen Maßnahmen wegdiskutiert wird. Aber es wird doch immer wieder Menschen geben, die genau diesen operativen Weg für sich brauchen – zumal noch gar nicht abschließend geklärt ist, ob TS nicht auch eine genetisch mit unseren heutigen Methoden noch nicht erkannte Intersexualität sein könnte.

urda: Du schreibst von modernen Therapieformen. Wie unterscheiden sich die von der klassischen „Therapie“?

Airin: Sie sind ergebnisoffen, wachstumsorientiert und zielen auf eine Harmonisierung von Körper, Geist und Seele. Dem liegt ein positiveres und sehr viel weiter führendes Menschenbild zu Grunde als zum Beispiel der Psychoanalyse, einer der wenigen Therapieformen, die heute von den Kassen bezahlt und “professionell” durchgeführt werden. Mit der körperorientierten Psychotherapie kommt man viel schneller vorwärts und zu tieferer Selbsterkenntnis als mit diesen klassischen Methoden.

Besonders hilfreich dürfte für viele TS das Holotrope Atmen nach Prof. Stanislav Grof sein oder das davon abgeleitete “Rebirthing”. Im Atmen werden Gefühle bewusster, ohne zu überwältigen und es können Sexualität, Emotionalität und Spiritualität in Gleichklang kommen und Blockaden abgebaut werden. Man kann sich damit wirklich ganz neu selbst erleben und viele Probleme aus sich heraus lösen.

urda: Bist Du eine alte Seele? Glaubst Du, dass die Transsexualität und der Wechsel des Geschlechtsperspektiven ein Teil unserer Reifung ist?

Airin: Ja, ein so intensives Thema wie die TS ist nichts für Anfänger! Ich denke, dass viele von uns sehr besondere Menschen sind, die durch diese spezielle Erfahrung in diesem Leben etwas klären möchten. Mir diente es dazu, Erfahrungen und Denkmuster aus anderen Inkarnationen zu bereinigen, so dass ich heute die beiden Seiten liebevoll als Teile von mir annehmen kann. Im Verhältnis zu mir selbst habe ich dadurch viel gewonnen.

Airin könnt ihr unter ihrer sehr bekannten Seite finden: https://www.transsexuell.de

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