Gut gemeinte Ratschläge

Hallo zusammen

Abermals hatte ich (Urda) das Glück einen wirklich lieb gemeinten Brief zu erhalten. Dieser Brief ist mir zwar persönlich gewidmet worden, dennoch glaube ich, dass viele von uns solche Zusprachen bekommen. Es ist daher vielleicht Zeit öffentlich zu diesen häufig vorkommenden Meinungen und Haltungen Stellung zu nehmen, damit auch andere sehen, was hinter dem einen oder anderen Denkmuster stecken könnte. Was nicht heisst, dass das auch so gemeint, wie interpretiert wäre.

Natürlich hat die Autorin ihre Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben und natürlich hat mich die lieb gemeinte Intention sehr gefreut. Ich bemerke die herzliche Art und den Willen jemandem etwas gutes tun.

Ich musste die Sprache ein wenig ändern und einige Teile weg lassen, zu Deutsch: den Brief anpassen, damit die Autorin unbekannt bleibt. Seid aber sicher, dass ich mir das nicht einfallen lies.

Lest also nun zuerst bitte unvoreingenommen den Text und lasst ihn auf euch wirken. Bevor ihr nach unten zu meinen Gedanken dazu kommt. Unten nehme ich dann dazu eben Stellung.

Liebe Urda

Ich habe mir Deine persönliche Note “Sind wir nicht einfach doch einfach Mann?” heute nochmal angesehen. Und irgendwie blieb ich daran hängen.

Zum einen, weil Du einen genialen Schreibstil hast und Deine Gefühle rüber bringen kannst. Zum anderen, weil Du so offen über Dich schreibst. Ich mag das sehr.

Was ich dabei aber nicht verstehe ist, warum Du das Moppedfahren, das Biertrinken, Deine Musik oder Deine männliche Art sich auszudrücken als männlich ansiehst.

Dürfen Frauen dies denn nicht tun? Ich dachte darüber sind wir mittlerweile wirklich hinweg und Frauen dürfen heute sehr wohl mal den Max raushängen lassen.

Auf meine beste Freundin, einer Mutter von zwei mittlerweile Grossen, trifft alles von Dir genannte 1:1 zu: sie fuhr eine Nähmaschine, eine schwarze 916, konnte die übelsten Beleidigungen ausstossen und hörte mit Herzblut Hardrock und härteres. Bier war zwar nicht ihres, aber bei einem guten Whiskey sagte sie hin und wieder gerne mal ja. Genau das mochte ich an ihr.

Am meisten jedoch phasziniert mich an Dir, dass Du meinst, “… ich lerne, wenn auch schmerzhaft…” und was danach kommt.

Das fährt mir wirklich durch Mark und Bein.

Ein Teil von mir schämt sich dagegen fast, dass ich mich so oft hinter einer Fassade verstecke.

Ich kann nicht verstehen, warum man Dich als “Monster” sehen sollte.

Glaubst Du denn wirklich, dass Dein Schritt in die Weiblichkeit ein solcher Fehler war?

Du erscheinst mir in all Deinen Erzählungen, im Bild das Du vermittelst kein Bisschen männlich. Und glaube mir: ich sehe das.

Jeder von uns ist ein Individuum und niemand gleicht dem anderen. Wenn wir alle in Schubladen passen würden, dann würden wir doch einfach nur ausgetrampelte Pfade befolgen.

Jetzt will ich aber mal Schluss machen, obwohl ich noch so viele Fragen hätte. Mag ja nicht nerven.

Ich bin einfach nur froh, dass es Dich gibt.

Ein wirklich netter Brief. Und er war sicher sehr lieb gemeint. Doch bin ich mir wirklich nicht sicher, ob jeder, der solche netten Worte ausspricht, auch wirklich weiss, was dahinter stecken könnte und wie das auf beiden Seiten wirkt. Daher meine Gedanken dazu:

“Dürfen Frauen dies denn nicht tun? Ich dachte darüber sind wir mittlerweile wirklich hinweg und Frauen dürfen heute sehr wohl mal den Max raushängen lassen.”

Auch bei geborenen Frauen wird man die Nase rümpfen, wenn sich eine Frau dermassen männlich benimmt, werden Zweifel am Menschen aufkommen. Es geht aber gar nicht um den Umstand, dass Frauen das nicht tun dürften. Es geht vielmehr darum, dass wenn ein geborener Junge später empfindet oder meint, er wäre eigentlich weiblich, es doch sehr eigenartig anmutet, wenn er oder sie sich dann männlich benimmt. Was genau ist denn dann noch weiblich ausser dem Wunsch anders sein zu können?

Hat der Wunsch nach Weiblichkeit denn dann überhaupt noch etwas mit dem Menschen an sich zu tun? Oder geht es vielmehr darum jemand anderes zu werden? Und warum sollte ein Mensch denn jemand anderes werden wollen? Wann lehnt man sich selbst ab? Ist das gesund? Ist man das dann noch selbst oder kann das nur von aussen kommen?

Woran macht der Mensch dann fest, dass er weiblich sei? Das Aussehen ist männlich. Die Hobbies sind männlich. Der Körper ist männlich. Die Sexualität ist heterosexuell und dabei der männliche Part. Die Stimme ist es sowieso und das Verhalten auch. Was genau ist dann noch weiblich, ausser dem Wunsch weiblich zu werden?

“Am meisten jedoch phasziniert mich an Dir, dass Du meinst, “… ich lerne, wenn auch schmerzhaft…” und was danach kommt.
Das fährt mir wirklich durch Mark und Bein.

Ein Teil von mir schämt sich dagegen fast, dass ich mich so oft hinter einer Fassade verstecke.”

Ich könnte jetzt weiter in meiner Traumwelt leben und vielleicht anderen die Schuld geben. Letzteres tue ich insofern, als dass ich auch in der Umwelt Verantwortung sehe, denn von mir selbst kommt das alles sicher nicht. Als freier Mensch aber nehme ich mein Leben an im Hier und Jetzt.

Niemand ist feige, wenn er sich hinter einer Fassade und Rolle verbirgt. Das tue ich auch. Wenn ich wirklich mutig wäre, dann würde ich wieder als Mann leben. Das wäre mutig oder vielleicht dumm? “Wenn das Wörtchen Wenn nicht wäre, …”

“Du erscheinst mir in all Deinen Erzählungen, im Bild das Du vermittelst kein Bisschen männlich. Und glaube mir: ich sehe das.”

Es sei mir verziehen, wenn ich hier einen Vergleich ziehe, der vielleicht unfair und vielleicht erst einmal unverständlich ist.

Mir kommen diese gegenseitigen Beteuerungen immer so vor, als würde ein Alkoholiker dem anderen Alkoholiker attestieren, dass der andere ja keiner sei, weil der eine das ganz sicher sehen würde und sich ja sehr gut mit der Materie auskenne.

Bitte nicht böse sein, aber als Betroffene oder Interessierte hat man kein neutrales Auge. Solche gutgemeinten Beteuerungen helfen niemandem. Man wiegt sich nur gegenseitig in einer Traumwelt und in falscher Sicherheit. Die Wahrheit tut weh und sie enttäuscht. Aber das ist auch das gute. Täuscht man sich, dann wird man so enttäuscht. Man wacht aus einem irrealem (Alb-)-Traum auf.

Einem Kind gesteht man zwar zu, dass es mal im Entenkostüm eine Ente spielt. Aber sollte das Kind nicht mehr aufhören zu quaken und anfangen zu weinen, wenn es das Spiel beenden muss, wird man das Kind doch auch wieder auf den Boden der Tatsachen holen oder?

“Ich bin einfach nur froh, dass es Dich gibt.”

Das freut mich wirklich sehr. Ernsthaft. Und ich freue mich, dass ich nicht alleine bin und es Dich und andere LeserInnen (ausnahmsweise ein grosses Innen) gibt.

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