“Wo wart Ihr/Du vor 26/27 Jahren?” Eine Rückmeldung!

Hier folgten schon länger keine Meldungen mehr, wofür ich schon fast um Entschuldigung bitten will. Doch das Leben ist einfach nicht so leicht diese Tage und es wäre einfach unkonsequent und gelogen, wenn man gerade als Betroffene(r) immer Friede, Freude, Eierkuchen vortäuschen würde.

Umso mehr stiess die folgende Rückmeldung auf grosse Freude, weil sie gerade zeigt, dass Menschen, wie ich, nicht so alleine sind, wie es gerne dargestellt wird.

Diese Rückmeldung regt zum Nachdenken an und eins aber Vorweg: Wer hier von Versagern faselt oder auch nur ansatzweise denkt, dem sei gesagt, dass derjenige sein Leben in vollen Zügen auskostet, der lernt.

Hier nun die Rückmeldung:

Wo wart Ihr/Du vor 26 / 27 Jahren?

Ich hätte mir das ein oder andere offene / wahre Wort gewünscht!

Stichwort: OP!
In den sogenannten “Selbsthilfegruppen” wurde davon, unisono, in den höchsten Tönen geschwärmt wie toll es, post-operativ, doch sei. Alles Prima, keinerlei Komplikationen, GV sei unvergleichlich etc, etc, pp.

Von wegen…. Optisch ok, (für damalige OP-Verhältnisse), keine Inkontinenz,….. Aber Schmerzen, bis heute, jenseits von Gut und Böse.

Stichwort: Tunnelblick und Wahn
Ja, aus meinem Spiegel hat nie ein Mann zurückgeschaut, dennoch bin ich, selbstverständlich, als Junge erzogen worden. Da bleibt es nicht aus, dass man(n) auch etwas anerzogen bekommt (Verhaltensmuster). Selbsterhalt-, und Überlebenswille sind mächtige Dinge.

Mit Einsetzen der Pubertät wurde es kritisch. Wer wußte, anfang der 80er schon, was TS ist/war?! Oder anders….meine Eltern schleppten mich von einem Psycho-Doc zum Nächsten, und keiner konnte mit “dem Mädchen im Jungen” etwas anfangen. Zumal ich völlig normal “Jungs”-Hobbys hatte…ihr wisst schon: Autos, rumbolzen, sich kabbeln….

Aber ich schweife ab……

Ich war jung, ich war so unglaublich naiv… und bin restlos Allem hinterhergelaufen, von dem ich mir Hilfe versprach. (Man bedenke, das Internet war noch ein Zukunftstraum).
Über kurz oder lang trifft man dann auf, vermeindlich “erfahrene/kundige” Menschen, die einem Hilfe anbieten/versprechen… und man schluckt vorbehaltlos Alles, was Diese einem erzählen.
(Warum erscheint vor meinem inneren Auge jetzt eine, mit Rasierklingen gespickte, Leberwurst die ein gieriger Hund runterschluckt?)

So habe ich mir, unbewust, aus fremden “Bildern” ein Eigenes zusammengesetzt und damit auch Wertvorstellungen übernommen.
“Wie, Du willst Dich nicht operieren lassen?! Dann bist Du wohl doch nicht transsexuell”
Wie gesagt, ich war unglaublich naiv….und dumm.

Zu dem “Übernommenen” gehörte auch, dass ich, (und andere) eingeimpft bekamen, dass Gutachter / Krankenkasse / Richter überhaubt ALLE, gegen Einen seien und es einem so schwer wie möglich machten, zu der heiß begehrten Vornamensänderung-, bzw. zu dem noch heisser begehrten OP-Termin zu gelangen.

Hurra….ausgestattet mit dieser Weisheit im Hinterkopf auf Kampfmodus geschaltet, konnte das Ringen zwischen mir und der Welt beginnen.
Der Tunnelblick war geboren, und mit ihm der Wahn, dass alle mahnenden / bedenkenden Worte wie “sehr groß”, “breites Kreuz”, “sehr maskuline Figur” schlicht als Munition des “Feindes” angesehen wurde.
Auf deutsch: Je mahnender die Worte, umso beharrlicher wurde ich.

Die Vornamesänderung, (inklu Alltagstest) verlief positiv nicht zuletzt dank pünktlichem Umzug in eine Großstadt. Der OP-Termin rückte in greifbare Nähe. Wurde die “OP” doch unter den “Wissenden” als das Allheilmittel gepriesen.

Kinder, was sollte ich mich irren.

Der OP-Termin war da…hart erkämpft und gewollt.
Ich habe in meinem Leben noch nie solche Schmerzen gehabt, (und ich habe mir eingebildet zu wissen was Schmerzen sind, nach vier heftigen Autounfällen), wie nach dieser OP.

“Das ist normal” sagte man mir, die gehen vorbei….
Das stimmte zumindest teilweise, Wunden heilen, der Körper passt sich an.
Ab diesem Tag sollte ich nie wieder völlig schmerzfrei sein…. aber das wußte ich ja noch nicht.

Noch hielt das Triumph-Gefühl vor…ich hatte gewonnen.

Dann kam der Tag, -oder waren es Tage-, als die Wahrheit ihre hässliche Fratze zeigte.
Das “Allheilmittel”, die OP, hat nur ein einziges Problem gelöst…ich muß nicht mehr brechen, wenn ich mir meine Genitalregion betrachte. Alle anderen Sorgen und Probleme waren, natürlich, noch da…..und, teilweise doppelt und dreifach so heftig.

Hab ich schon erwähnt, dass ich unglaublich naiv und dumm war?!

Die nächste Falle, in die ich tappte, hieß: “Selbstbetrug” oder, wie ich es nenne: “Wie ich einem Zerrbild hinterher rannte”
Ich wollte ja “normal” sein, bzw. als “normal” durchgehen….aber da war ja, neben Anderem, noch die Sache mit dem Bartwuchs.

Also trabte ich los um mir dieses haarige Problem vom Hals zu schaffen.
Alexandritlaser-Behandlung, Nadel-Epilation…alles für die Katz, ja, ich war sogar so bescheuert, dass ich mit nem Epelier-Gerät durchs Gesicht ging.
Irgentwann gab ich den Kampf dann auf, rasieren, (metzgern), mußte
reichen, plus tonnenweise Camouflage-MakeUp.
Wie sehr mir das noch auf die Füsse fallen sollte, ahnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Körperoptimierung war angesagt, flacher Bauch, schöne Taille, schöner Busen…ok, Letzteres ließ sich, relativ leicht, bewerkstelligen…immerhin hies es im sexualmedizinischen Gutachten “Bewilligung geschlechtsanpassende Maßnahmen”.
Schöne Taille und flacher Bauch: Sport und hungern bis zum Unvermeindlichen.
Essstörung incomming!

Bei 1,87 m Körpergröße sieht Klamottengröße 34 nicht schön, sondern nur knochig aus, bei einem männlichen Knochenbau. So meine heutige Selbstreflektion.
Damals, mein verzerrtes, weibliches Idealbild!

Warum hab ich eigentlich, 2 Jahre nach OP, immer noch solche Schmerzen….

Das Internet ist da…
Partnersuche war noch nie so einfach…
Nur wohnt der passende Partner im Internet in den seltensten Fällen zwei Häuser weiter.

Ok, nach einem dreiviertel Jahr Kennlernphase, Umzug von der Großstadt in eine Kleinst-Stadt im Süden Deutschlands.

In der Großstadt ging ich, bzw. meine Erscheinung, unter / fiel nicht
weiter auf, also muß das in ner Kleinst-Stadt ja auch so sein…. dachte ich.
Hab ich erwähnt, dass ich naiv…nein, dämlich war?

Vier Jahre nach der OP…..wann verschwinden diese Schmerzen?
Oh, diese Schmerzmedikamente sollen nur längstens 3 Monate am Stück eingenommen werden?!
Abhängigkeit incomming… falsch, die ist schon da!

Im Nachhinein betrachte ich diesen Umzug als den schwersten Fehler
meines Lebens… nicht wegen dem Partner, sondern wegen der Kleinst-Stadt und ihrer Bewohner.
Hat es vorher niemand geschafft mich unterzukriegen, wurde ich eines
Besseren belehrt.
In dieser Kleinst-Stadt fiel ich, oh Wunder, auf wie ein bunter Hund in nem drei Häuser-Dorf.
Unnötig zu sagen, dass mich die Einheimischen aufgrund meiner (Un)-Auffälligkeit gepaart mit ihrer Intoleranz, (ich hasse das Wort Toleranz), nicht gerade herzlich empfangen haben.

Gefangen, gelinkt, verar***t….
Diese Begriffe sollten mir in den kommenden Jahren in all ihren Facetten, immer und immer wieder vor Augen geführt werden.
Auf den Punkt gebracht: Können die eigenen vier Wände zu einem Gefängnis werden? Ja!

Irgentwann bricht auch der stärkste Rücken….und als ich genug davon
hatte, verbal und körperlich angegriffen zu werden, wurde ich unsichtbar. Will sagen, von 364 Tagen im Jahr, war ich 310 Tage in der Wohnung; nur zu unvermeindlichen Terminen traute ich mich noch raus.

Da saß ich nun…kein Geld mehr, keinen Job, keine sozialen Kontakte ausserhalb des Internets und meines Partners…..die Abwärtzspirale dreht sich munter weiter.
Die Kompensation meiner Einsamkeit hieß Internet und Onlinespiele….aber das geht nur eine begrenzte Zeit gut.

Guter Rat war teuer, als mußte ich selbst auf ne Lösung kommen… nach sechzehn Jahren, als ich nur noch zwei Wahlmöglichkeiten hatte, hab ich notgedrungen die weniger tödliche genommen.
Zu meiner eigenen Überraschung hänge ich nämlich noch am Leben.

Trotz Medikamentenabhängigkeit (welche ich selbst therapiere/ausschleiche), Essstörung, immer heftiger werdenden Depressionsschüben, diesen Schmerzen.

Die Kleinst-Stadt will mich nicht als Frau sehen? Ok, dann spiel ich ihr den Kerl vor, bis ich hier weg komme…… So mein Plan.

Tja, leider ging mein Plan nur mein Aussehen betreffend, auf.
Die Brustimplantate mußten eh raus, weil verkapselt, die Haare kurz, ein bissi den Klamottenstil geändert, nen drei-Tage-Bart stehen lassen…voila.
Das ging solange gut, bis zu ner Ausweiskontrolle. Einem Dorfsheriff erklären was Sache ist. Hölle!
Was heißt, ging gut?!…..Ich kam mir vor wie ein Knacki den man völlig überraschend vor die Gefängnistür gesetzt hat, der nicht weiß, wie er sich zurechtfinden soll.

Um ähnlichen Peinlichkeiten, wie bei einer Polizeikontrolle aus dem Weg zu gehen, hab ich, desillosioniert wie ich war, also einen Antrag auf “Rückgägigmachung der Vornamensänderung” gestellt….
Ich lauf ich jetzt / heute, zumindest auf dem Papier, wieder unter “Mann”.
Für meinen Partner und Onlinebekanntschaften bin und bleibe ich aber beim weiblichen Personalpronomen.

Keine Ahnung, wie lange das jetzt gut geht….es muß….bis ich hier aus diesem Drecksnest rauskomme.

 

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