Interview mit TransSexuelle Menschen e.V.

TransSexuelle Menschen e.V. ist ein Verein, der sich für die Rechte transsexueller Menschen einsetzt.

Ich hatte die Chance , Frau Wergin, ihrerseits Vereinsvorstand, einige Fragen zu stellen. Lest selbst, wie der Verein zur aktuellen Situation um Transsexualität steht.

 

Wie kam es zur Gründung der Vereinigung-TransSexuelle-Menschen e.V. – VTSM? 

Ja das hat schon einen längeren Hintergrund. Ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die bei der Selbstfindung Unterstützung in einem Forum gesucht hatte. Bei mir war es ein Forum für Transvestiten, etwas anderes fand ich damals als vollkommen ahnungsloses Wesen nicht. Dort hatte ich auch Frank kennen gelernt, wir beide haben dann ja später den VTSM gegründet. Als ich dann wusste, was ich bin, haben ich das Forum gewechselt und bin zur dgti gegangen, in der Frank bereits vor mir war. Wir hatten dann hier vor Ort eine SHG gegründet. Frank wurde in den Vorstand der dgti berufen und ich war eine der offiziellen Beratungsstellen der dgti. Beide waren wir dort im Forum auch sehr aktiv, Frank war dort Admin und ich Moderatorin. Zusehends hieß es in der dgti dann “wir sind alle Transgender”, was nicht nur uns beiden ziemlich sauer aufstieß. Die Situation eskalierte schließlich und wir verließen mit vielen anderen zusammen die dgti, gründeten ein eigenes Forum und letztlich dann auch den VTSM.

Für uns war es wichtig, den Verein so aufzustellen, dass es relativ unmöglich ist, dass er eines Tages auch zu einem Trans*Verein wird, denn davon gibt es wahrlich genügend und in der Regel haben Menschen mit Transsexualität (NGS) dort wenig Einfluss. Ein wesentlicher Punkt bei unserer Vereinsgründung war für uns, dass nur Personen aufgenommen werden dürfen, bei denen eine Diskrepanz zwischen dem neurobiologischen Geschlecht und den Genitalien vorliegt oder vorgelegen hat. Wer uns hier etwas vormacht, kann auch wieder ausgeschlossen werden. Was wir dann aber erleben mussten, hatte uns geschockt. Diese Feindseligkeit die uns von einigen Aktivisten der Trans*Szene entgegenschlug, war schon heftig. Da gab es nun einen Verein, der nur für Menschen mit Transsexualität (NGS) da ist. So was darf doch nicht sein, es ist doch alles das Gleiche. Ziemlich zu Anfang hatten wir dann versucht in das Chaos der Begriffe ein wenig Ordnung zu bringen, das wurde uns dann als Fremdbestimmung vorgeworfen.

Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber Lachen. Aktivisten, die andere zu Trans*Menschen machen, ihnen ihr Geschlecht nehmen, indem sie ihr Geschlecht als Geschlechtsidentität bezeichnen, werfen uns Fremdbestimmung vor, wobei wir lediglich Begriffe versuchen zu erklären?

Was sind deine persönlichen Beweggründe?

Anfangs hatte es sich einfach so ergeben. Wir wurden gefragt, ob wir uns einbringen wollen und wir haben ja gesagt. Für mich war es auch eine neue Erfahrung. Nachdem ich mein Leben mit Technik verbracht hatte, war es reizvoll jetzt mit Menschen zu tun zu haben. Heute bin ich Rentnerin und natürlich möchte ich aktiv bleiben. Ich kann mich bei Arbeiten einbringen, die ich zuvor niemals gemacht hatte. Ich schreibe gerne, kann die Hefte und Flyer gestalten. Einen Kongress zu organisieren, mit all dem was dazu gehört, ist auch eine interessante Herausforderung. Die Organisation eines Vereins, Satzung erstellen, Buchhaltung, Förderanträge, es sind völlig neue Anforderungen, denen ich mich gerne stelle.

Welche Ziele verfolgt der Verein? (Wie steht der Verein zum aktuellen Leistungskatalog der Krankenkassen?)

Der VTSM ist als bundesweite Selbsthilfeorganisation im Gesundheitsbereich anerkannt. Da liegt auch unser Schwerpunkt. Wobei Gesundheit auch eng mit der Lebenszufriedenheit verbunden ist, mit der Anerkennung des eigenen Geschlechts und der richtigen Sicht der Öffentlichkeit auf Menschen mit Transsexualität (NGS). Der VTSM will Menschen bei der Selbstfindung helfen, will sich dafür einsetzen, dass das politische und soziale Umfeld aufgeklärt wird, um was es sich bei Transsexualität (NGS) eigentlich handelt. Das Menschen mit Transsexualität (NGS) Frauen bzw. Männer sind, die das Pech hatten mit einem gegengeschlechtlichem Körper geboren worden zu sein. Transsexualität (NGS) ist keine Frage der psychosozialen Geschlechtsrolle, sondern des gegengeschlechtlichen Körpers. Frauen mit Transsexualität (NGS) sind Frauen und keine Männer mit einer weiblichen Geschlechtsidentität, Männer mit Transsexualität (NGS) sind Männer und keine Frauen mit einer männlichen Geschlechtsidentität

Wir setzen uns dafür ein, dass Transsexualität (NGS) als angeborene Abweichung in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen wird. Dass eine einmalige Diagnose, die im wesentlichen auf die Selbstaussage beruht ausreicht um ein Anrecht auf somatische Maßnahmen zu haben. Die derzeitige Lösung, dass für jeden einzelnen Schritt einen Leidensdruck von einen Psychologen bescheinigt werden muss, ist menschenverachtend und ethisch äußerst bedenklich. Da muss ein Mensch also erst psychisch erkranken, bevor ihm geholfen wird? Das geht gar nicht.

Dann die Bewilligungsverfahren der Krankenkassen. Da werden Anträge abgelehnt, in der Hoffnung, dass der Hilfesuchende aufgibt und in Folge erst recht erkrankt, möglicherweise sogar Suizid begeht? Allerdings ist es ein schwieriges Thema, denn wo ist die Grenze zur Schönheits-OP und warum bekommt eine Frau mit transsexuellem Hintergrund eine Brustvergrößerung und eine Frau ohne diesen Hintergrund nicht?

Ein anderer wichtiger Punkt ist die volle geschlechtliche Anerkennung. Die Anerkennung, dass Geschlecht neurobiologisch determiniert ist und nicht durch die Gonaden bestimmt wird. Dass sich während der Embryogenese das neurobiologische Geschlecht anders entwickeln kann als die Gonaden, die dann letztlich den gesamten Körper in das entsprechende Geschlecht zwingen. Wir halten nichts von der Formulierung “Gehirngeschlecht” oder “Geschlechtsidentität”, zumindest wenn es um Transsexualität (NGS) geht. Für uns ist das Geschlecht in der neurobiologischen Beschaffenheit des Menschen zu suchen. Das autonome und somatische Nervensystem, hält den Körper in Funktion und erlaubt uns als eigenständige Wesen und selbst erkennendes ICH mit der Umwelt in Beziehung zu treten und letztlich wird auch der Geschlechtsaspekt zeugend und gebärend vom ICH über dieses neuronale Netz wahr genommen.

Ihr verwendet den Zusatz (NGS) was bedeutet das und warum macht ihr das?

Heute wird durch die Trans*Community bei den Begriffen ein derartiges Durcheinander erzeugt, dass eigentlich keiner mehr weiß, wofür die Begriffe stehen. Es wird propagiert, dass sowieso alles das Gleiche sei und man sich den Begriff aussuchen kann, der einem am besten gefällt. Heute IST man ja nicht mehr, man definiert sich. Man definiert sich als Frau, als Mann oder als Transsexuell, als Trans* oder als sonst etwas. Wir finden aber, dass es wichtig ist Phänomene zu benennen, ihnen Eigenschaften zuzuweisen, Bedarfe und Bedürfnisse benennen zu können.

Wir haben dann nach einer Begrifflichkeit gesucht, die das Phänomen zum einen von den “definierten” Transsexuellen abgrenzt, zum anderen aber auch richtig beschreibt, und haben uns für “Neuro-Genitales-Syndrom (NGS)” entschieden. Denn um was geht es bei Transsexualität? Es geht darum, dass die Genitalien zum neurobiologischen Geschlecht konträr ausgebildet wurden und in der Folge, bedingt durch die produzierten Hormone, der gesamte restliche Körper gegengeschlechtlich ist.

Ihr bietet eine Art Ersatz-Ausweis für transsexuelle Menschen an. Welche Vorteile bietet dieser Betroffenen?

Es besteht ein Bedarf, nach diesen Ausweisen, das merken wir anhand der Bestellungen. Viele Rückmeldungen bekommen wir jedoch nicht. Manche beschränken sich darauf zu schreiben, dass sie sich freuen ihn erhalten zu haben, manche konnten ihre Bank oder Gesundheitskarten damit umstellen. Dafür gibt es aber keine Garantie. Bei Unsicherheiten kann man den Ausweis vorlegen ohne sich verbal zu erklären und den umstehenden Personen auch gleich mit von dem eigenem Hintergrund erzählen zu müssen. Auf alle Fälle ist es für die meisten auch einfach nur schön endlich etwas in der Hand zu haben.

Wir wissen aber auch, dass dieser Ausweis von vielen kritisiert wird, nur meinen wir, dass es jedem selbst überlassen sein soll, ob er solch eine Karte anschaffen soll oder nicht. Wir versprechen jedenfalls nicht, dass der Ausweis mit Sicherheit dazu nutzt irgendwelche Dokumente umzustellen. Es kann aber es gibt keine Gewähr, wobei das herunterladbare Empfehlungsschreiben des Innenministeriums jedoch ein wenig helfen kann.

Wo ist deiner Meinung nach Diskriminierung gegenüber transsexuellen Menschen aktuell? Wo wird falsch angesetzt?

Zuerst fällt mir da natürlich die sogenannte Trans*Community ein. Was von dort an Fremdbestimmung und falscher Eigenschaftszuweisung kommt, ist schon atemberaubend. Wir werden von denen zu Trans*Frauen/Männern, zu Trans*Menschen gemacht, unser Geschlecht wird zur Frage der Identität oder der Lebensweise umgedeutet, unser eigentliches Problem, der gegengeschlechtliche Körper, wird ignoriert und wird zur Frage des Gender.

Auch diese ständigen Versuche der Oberbegriffe und Gleichmacherei der Phänomenlagen. Alles was unter Trans* vereinnahmt wird, unterscheide sich angeblich nur in der Intensität der gegengeschlechtlichen Identität, vom Crosdresser über Nonbinäre bis hin zu Menschen mit Transsexualität, auch wenn diese ihre Angleichung bereits Jahrzehnte hinter sich haben.

Aber auch in der Medizin, wenn ich zum Beispiel von einer gegengeschlechtlichen Hormonversorgung lese, ist doch klar was dahinter steckt. Ich wäre in der Lesart wohl ein Mann, der weibliche Hormone bekommt. Natürlich stoßen wir auch dann noch vereinzelt in der Gesellschaft auf Ablehnung, wobei es besonders schwierig ist, wenn wir auf fremde und stark religiös geprägte Kulturkreise stoßen. So manche sind auch durch diesen “Genderhype” irritiert und die Vorstellung Geschlecht beliebig wechseln zu können bzw. abzuschaffen ist auch nicht jedermanns Sache. Auch scheint für so manchen der Eindruck zu entstehen als ob Trans* fordert und fordert und fordert.

Aktuell ist Gender auf dem Vormarsch, wie siehst du diese Entwicklung in Verbindung zu Transsexualität?

Diese Entwicklung sehe ich als äußerst verhängnisvoll an, zumal die Trans*Aktivisten mit einer enormen Aggressivität ihre Positionen allen überstülpen wollen. Gender steht für die psychosozialen Geschlechtsmerkmale und indem man Transsexualität dekonstruiert und von Transgender redet, wird die Körperdiskrepanz zur Geschlechtsrollendiskrepanz. Geradezu perfide ist es, wenn behauptet wird, man mache die Genitalangleichung zur Perfektionierung des sozialen Rollenwechsel. Zum einen erklärt man uns damit zu psychisch gestörten, die sich verstümmeln lassen um einen Rolenwechsel zu perfektionieren, zum anderen verleitet man Männer zum Beispiel sich ein weibliches Genital basteln zu lassen um besser als Frau durch zu gehen. Sicher ist das jetzt etwas hart formuliert, aber letztlich ist es doch so.

Es ist eine verhängnisvolle Entwicklung. Geschlecht wird in seiner eigentlichen Bedeutung (zeugend gebärend) zur Genderfrage und somit zur Beliebigkeit. Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen sozial im Gegengeschlecht leben mögen oder wenn sie Geschlechterrollen komplett ablehnen. Nur sollte man sich darüber im klaren sein, dass es sich dabei nicht um Geschlecht handelt, sondern um Gender. Wenn man dann den Trans*Aktiven zuhört, bekommt man den Eindruck, dass Körper keine Rolle spielen, es geht nur noch um Gender. Das ist aber falsch, denn Körper und Genital spielen sehr wohl eine Rolle.

Leider ist diese Bewegung aber nicht nur in der Trans*Community zu beobachten, es ist ein weltweiter Trend, dass unser Geschlecht zur Geschlechtsidentitätsfrage degradiert wird. Von einer Community, die behauptet auch Menschen mit Transsexualität zu vertreten, sollte man erwarten können, dass sie sich öffentlichkeitswirksam dafür einsetzt, dass auch wir richtig beschrieben werden, dass unsere Körperthematik ernst genommen wird und vor allem, dass deutlich gemacht wird, dass es sich um unser Geschecht handelt. Tut diese Community das nicht, hat sie kein Recht zu behaupten Menschen mit Transsexualität zu vertreten. Nur das Argument “gemeinsam schaffen wir mehr” kann und darf kein Grund sein eine Community zu unterstützen, die einer Menschengruppen, die sie behauptet zu vertreten, Schaden zufügt.

Es ist dringend an der Zeit zu begreifen, dass das Geschlecht nicht an den Genitalien festgemacht werden kann. Obwohl sie eine entscheidende Rolle spielen, sind sie nicht geschlechtsbestimmend. Bei den meisten Menschen ist es so, dass das neurobiologische Geschlecht mit dem restlichem Körper dem gleichem Geschlecht angehören, es gibt aber einen kleinen Prozentsatz, bei denen das nicht so ist (0,1% Menschen mit Inter- und 0,1% mit Transsexualität).

http://www.transsexuellev.de/

 

In stillem Abschied von Frau Lotty Maria Wergin †

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